Korridorausstellung „ich, boy, 19, suche ...“ zum „Boy’s Day“ an der Pädagogischen Hochschule Wien, mit „Hermeneutic Wallpapers“ (Lachmayer/Nobis) und einem Teppich von Roy Lichtenstein

-

Korridorausstellung „ich, boy, 19, suche ...“ mit „Hermeneutic Wallpapers“ (Lachmayer / Nobis), Teppich (Roy Lichtenstein), Spiegel-Installation (Roxanne Szankovich), Vitrine / Installation (Christine Hahn und Studierenden der PH Wien), Videoinstallation (Alena Oberlerchner / Laura Schellin / Karoline Themeßl-Huber)

-

Korridorausstellung „ich, boy, 19, suche ...“ mit „Hermeneutic Wallpapers“ (Lachmayer / Nobis), Teppich (Rpy Lichtenstein) und Videoinstallation (Oberlerchner / Schellin / Themeßl-Huber)

-

ich, boy, 19, suche …

Ausstellung vom 19. März bis 30. April 2009
Tapeten / Teppichinstallation: ongoing
PH Wien

Korridorausstellung von Herbert Lachmayer und Studierenden der PH Wien anlässlich des „Boy’s Days“

 

„Staging Knowledge“ für den „Boy’s Day“
Univ. Prof. Dr. Herbert Lachmayer

Anlässlich der Vorbereitungen zum Boy’s Day am 23. April 2009 konnte Univ. Prof. Dr. Herbert Lachmayer in einem Kooperationsprojekt der Kunstuniversität Linz sein Modell „Staging Knowledge“, Inszenierung von Wissensräumen und performative Kulturvermittlung einmal mehr mit den Studierenden der Pädagogischen Hochschule Wien umsetzen. Ging es doch darum, den Volksschullehrerberuf auch für junge Männer interessant zu machen, um den Überhang der weiblichen Studierenden für diesen im Grunde so attraktiven Beruf entgegen zu wirken. Dabei wurden kultur- wie bildungspolitische Bewertungen diskutiert, welche immer auch eine Kritik an unserer forcierten Leistungsgesellschaft und ihren Leit-Ikonen für Männerberufe mit beinhalten. Bietet doch der Beruf eines Volksschullehrers eine veritable Chance der Selbstverwirklichung, indem es die Heranbildung der Folgegenerationen unserer demokratischen Gemeinschaft im ersten Stadium der öffentlichen Persönlichkeitsbildung zu verantworten gilt.

Die Arbeiten der Studierenden haben den Titelslogan der Ausstellung „ich, boy, 19, suche …“ exemplarisch erfasst und mit den einzelnen Beiträgen schon bei der Eröffnung große Akzeptanz beim naturgemäß skeptischen KollegInnen-Publikum und der Lehrerschaft gefunden. Die Video-Arbeit des Autorinnenteams Alena Oberlerchner, Laura Schellin, Karoline Themeßl-Huber zeigte in witzig-frecher und anrührender Weise VolksschülerInnen, die Fragen über die Vorzüge der Lehrerinnen gegenüber den Lehrern beantworteten, das Ergebnis waren zum Teil recht analytisch nüchterne, wie emotional berührende Aussagen unverblümter Direktheit. Diese Arbeit gab nicht nur eine Stimmung wieder, sondern hatte einen höchst informativen Wert, das Thema des Volksschullehrers von der Seite der umfassend Betroffenen her zu charakterisieren. Künstlerisch betreut wurde die Video-Arbeit von der Trickfilm-Künstlerin Veronika Schubert.

Mit fotografischen Plakat-Arbeiten überraschte Matthias Rettinger, der über signifikante Klischees Manager, Piloten und andere Berufe insofern verfremdete, als jedes dieser vorbildsuggestiven Images mit einer Kurzbotschaft versehen wurde, welche die Vorzüge des Lehererberufs ausdrückt – der Kontrast war perfekt. So sieht man beispielsweise einen frustrierten Manager mit zermürbender Coolness – hineingedruckt ins Bild ist die Headline „jede Minute eine Selbstverwirklichung“, „Gern bin ich unter Menschen“ oder „Vertrauen stresst mich nicht“. Appliziert war die Arbeit mit zwei mal fünf Fotos übereinander drapiert, selbsterklärend wurde ein sarkastisches Tableau inszeniert, welches Ironie evozierte, aber selbst nicht vom überheblichen Gestus des Zynismus gezeichnet war.

Roxanne Szankovich wählte drei Spiegel, die zur Selbsteinsicht aufmuntern sollten, aber zugleich das Panorama einer Mentalitätsgeschichte männlich-machistischer Vorurteile einsichtig werden ließ. Selbst- wie gesellschaftsreflexiv vermittelte die Arbeit, dass heute mehr die Real Virtuality unserer Einbildungskraft gefordert ist, weil es Virtual Reality ohnehin genug gibt.

Die Video-Arbeit von Jens Maier brachte in assoziativer Sprunghaftigkeit gekonnt einen Blickwechsel zustande, welcher die Klischees männlicher Berufserfüllung überdeutlich vor Augen führte, dass der dabei evozierte Kontext der Kritik nicht die Gestalt einer Belehrung annahm, sondern die Bilder durchaus poetisch floaten ließ, um darauf hinzuweisen, wie beweglich und kreativ die Vorstellungskraft eines Lehrers sein muss, um die Kinder mit den Vorstellungswelten der Erwachsenenwelt zusammenzubringen.

Die Direktion der Pädagogischen Hochschule stellte einen vielbesuchten öffentlichen Raum des Gebäudes zur Verfügung, den man begehen muss, um Bibliothek und Festsaal zu erreichen. In einer großen Vitrine wurden die schablonenhaften Playmobilfiguren repräsentativ für einzelne Berufsgruppen in einer 70er Jahre Vitrine rudelartig präsentiert – eine Sozietät des Fragmentarischen. Eine Button-Maschine vor Ort gestattete die Produktion von Ansteckern mit Sprüchen, mit denen man die BesucherInnen nach Hause schicken konnte. Der Raum wurde durch die Intervention der Kuratoren Herbert Lachmayer und Margit Nobis definiert, indem großflächig ein Teppich des Pop Art Künstlers Roy Lichtenstein der Firma Vorwerk ausgelegt wurde, der die gesamte, sehr gelungene 60er Jahre Architektur definierte. Die besondere künstlerische Intervention des Kuratorenteams Lachmayer | Nobis bestand darin, eine originale „Hermeneutic Wallpaper“ herzustellen, die speziell für den thematischen Anlass dieser Ausstellung kreiert wurde.


Ausstellung „ich, boy, 19, suche …“

SC Dr. Anton Dobart

Unsere Gesellschaft organisiert sich entlang vieler Differenzen. Ländlicher oder urbaner Raum, soziale Herkunft, Religion, Sprache, die Bildungsabschlüsse der Eltern – diese und andere Parameter erzeugen Differenzierungen, die sich nur allzu oft auch in ungleichen Chancen in der Bildungslaufbahn, später in der Berufswahl junger Menschen niederschlägt. Quer über alle denkbaren soziologischen Kategorien legt sich jedoch noch die Geschlechterdifferenz. Egal ob in der Schule, den Hochschulen und Universitäten oder anderen Bildungseinrichtungen, ob auf dem Arbeitsmarkt insgesamt oder in einzelnen Betrieben, Vereinen, öffentlichen oder privaten Organisationen, oder auch in privaten Beziehungen: alle Bereiche der Gesellschaft sind geprägt durch eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Bei manchen Berufen ist es nicht übertrieben, von einer Gender Segregation zu sprechen. Im europäischen Vergleich ist sie in Österreich besonders groß und erweist sich als recht hartnäckig gegenüber Veränderung. Beim Beruf der LehrerIn muss man sicher schon von einer Segregation der Geschlechter sprechen. Von 31.768 VolksschullehrerInnen in Österreich im Schuljahr 2007/08 waren nur 3.202 oder ca. 10 % Männer.1

Die Ausstellung „ich, boy, 19, suche …“ an der PH Wien sowie der Informationstag im März 2009, der unter dem Motto „Männer in den Lehrberuf“ stand, haben mit beispielhafter Kreativität auf diese Situation reagiert. Das BMUKK begrüßt Initiativen dieser Art, die zu mehr Gender Balance beitragen. Wir dürfen uns allerdings nicht mit Zahlenspielen und dem Ziel einer ausgewogenen Statistik begnügen. Ein Bildungssystem kann nur dann adäquat und qualitätsvoll auf die Herausforderungen einer Gesellschaft reagieren, die von Geschlechterdifferenz geprägt ist, wenn ihre Lehrerinnen und Lehrer über Gender-Kompetenz verfügen; also der „Fähigkeit, mit Geschlechterdifferenzen im beruflichen Alltag so umzugehen, dass beiden Geschlechtern neue und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden.“2

Die Berufswahl wird von einer Reihe von Faktoren beeinflusst, und die Schule ist nur einer von vielen. Sicher ist jedoch, dass ohne eine entsprechende Gender-Kompetenz von Männern und Frauen im Schulsystem – und das meint nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch SchulleiterInnen, Schulaufsichtsorgane, Vortragende und Menschen mit Leitungsverantwortung an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten – das System von sich aus die Schräglage zwischen Buben und Mädchen, zwischen Männern und Frauen immer wieder reproduziert.3

 

1 Quelle: Statistik Austria – Bildungsdokumentation, eigene Berechnungen BMUKK

2 Gender Kompetenz und Gender Mainstreaming – Kriterienkatalog für Schulen, BMUKK 2008

3 siehe dazu die neueste OECD-Studie zum Thema: „Equally prepared for life? How 15 year-old boys and girls perform in school“, veröffentlicht am 26. Mai 2009


Zum Projekt

Prof. Christine Hahn, Projektverantwortliche Pädagogische Hochschule


In den Erläuterungen zum Hochschulgesetz, Fußnote 19 zum leitenden Grundsatz 12 findet sich die Forderung „Darüber hinaus sollten bezüglich der Studierenden Anreize geschaffen werden, die darauf abzielen, dass das Studium zum Lehrberuf in derzeit traditionell weiblichen Bereichen (etwa in der Volksschule) von Männern ergriffen wird.“ Die Pädagogische Hochschule Wien hat in ihrem Ziel- und Leistungsplan 2008/09 bis 2010/11 „Gender“ an die erste Stelle des Schwerpunkts „Diversität unter besonderer Berücksichtigung von Integration, Migration und Gender“ für das Studienjahr 2008/09 gesetzt.
Die Umsetzung des Projekts „ich, boy, 19, suche ...“ stellt eine Maßnahme dar, um den Forderungen im Hochschulgesetz und dem Ziel- und Leistungsplan der Pädagogischen Hochschule Wiens gerecht zu werden. Finanziell wurde das Projekt durch das BMUKK unter SC Dr. Anton Dobart ermöglicht. Die verantwortlichen Stellen der Pädagogischen Hochschule haben das Projekt unterstützt, den entsprechenden Raum zur Verfügung gestellt und durch Medienauftritte der Rektorin, Dr. Dagmar Hackl, weitgehend bekannt gemacht.

Dem Projektplan entsprechend gelang die Mitarbeit von Studierenden an dem Projekt, die Kooperation mit LehrveranstaltungsleiterInnen war dabei sehr hilfreich und unterstützend. Besonders bedanken möchte ich mich bei meinem Kollegen Mag. Stefan Metzler, der jederzeit in dem Projekt hilfreich zur Stelle war und in den zeitlich sehr knapp bemessenen Phasen der Gestaltung des Ausstellungsraumes professionelle Arbeit geleistet hat. Allen Beteiligten werden die zahlreichen inhaltlichen Gesprächsrunden mit Prof. Herbert Lachmayer langfristig in Erinnerung bleiben, in denen neue Gedanken, Assoziationen und Vermittlungswege für diese Thematik eröffnet wurden!

Hintergrund:
Für den „Boys Day 2008“ wurde als Schwerpunkt das Thema „Berufswahl Erziehung und Pflege“ vorgeschlagen. Themenfokus bleibt der Zugang von männlichen Jugendlichen zu erzieherischen und pflegenden Berufsfeldern bzw. Berufen, die als typisch weiblich konnotiert sind und in diese Bereiche fallen (aus der Endplanung zum 2. Boy‘s Day, Univ.Prof. Dr. Josef Christian Aigner, Mag. Bernhard Koch, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck). Jungen Männern soll die Möglichkeit gegeben werden, männeruntypische Berufe, in dem Fall den Beruf des Volksschullehrers, in ihr Blickfeld zu bringen. Damit verbunden soll es zu einer Diskussion kommen, die zu einer Relativierung althergebrachter Männerbilder und den damit verbundenen Rollenzuweisungen führt.

Ziel:
• Steigerung des Anteils an männlichen Studierenden für das Lehramt VS (um 100 %)
• Berücksichtigung einer gendersensiblen Didaktik in allen Lehrveranstaltungen

Maßnahmen:
• Bewusstseinsarbeit für geschlechtergerechten Unterricht bei Lehrenden und Studierenden und an Praxisschulen
• Fortbildungsveranstaltungen für Lehrende (extern wie intern)
• Kulturvermittlungsprojekt als Anreiz, sich mit Genderthemen zu beschäftigen
• Vergabe von einschlägigen Bachelorarbeiten und Schaffung eines Leistungsanreizes (z. B. Preisvergabe)
• Gezielte Werbung bei der BEST um zukünftige männliche Studierende
• Steuerung der Gruppenzusammensetzung (z. B. eine Gruppe mit einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis)

Kurator: Herbert Lachmayer
Organisation / Projektleitung (Pädagogische Hochschule): Christine Hahn, Stefan Metzler, Dagmar Hackl, Jens Maier, Matthias Rettinger
Projektleitung (Kunstuniversität Linz, Da Ponte Institut): Herbert Lachmayer
Organisation: Andrea Traxler
Gestaltung: Herbert Lachmayer, Margit Nobis
Tapetenentwurf: Herbert Lachmayer und Margit Nobis
Tapetendruck: Plakativ X-large Printing
Teppich: Roy Lichtenstein für Vorwerk
Licht- und Videotechnik: Lukas Kaltenbäck

Unser besonderer Dank gilt: Kunstuniversität Linz, BMUKK, Vorwerk Teppiche, Lukas Kaltenbäck, PH Wien

© Fotos: Lukas Schaller, Hubert Wiederhofer, Margit Nobis, Christine Hahn