Stiegenhaus des Stadtschlosses Weimar während der „Bernhardzimmer“-Ausstellung mit den „Hermeneutic Wallpapers“ von Herbert Lachmayer und Margit Nobis und einem Teppich von Gertrud Arndt (Bauhaus, 1924)

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„Hermeneutic Wallpaper“-Entwurf von Herbert Lachmayer und Margit Nobis für die „Bernhardzimmer“-Ausstellung. Embleme / Personen v.l.n.r.: Maria Pawlowna von Sachsen-Weimar-Eisenach, Hofebenist Theodor Keck, Carl Alexander von SWE, Bernhard von Sachsen-Weimar, Friedrich Schiller, Carl August von SWE

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Das „Bernhardzimmer“ während der Ausstellung. Leuchtkasten, der den Ausblick aus dem „Bernhardzimmer“ vor dem Schloss-Zubau von 1914 simuliert, Tischprojektion von Daniel Dobler (IM Solutions), Maria Pawlowna- und Carl August-Büste, Münz-/Medaillenvitrine

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Beschwörung nationaler Identität:
Das Bernhardzimmer –
Neugotik im Herzen des Klassizismus

vom 29. November 2009 bis 17. Februar 2010
Stadtschloss Weimar

Zu den bedeutendsten Raumschöpfungen im Stadtschloss Weimar, die der Öffentlichkeit zur Zeit verborgen sind, gehört das neugotische Bernhardzimmer. Im Rahmen des Projekts Premieren des Wandels macht der Kurator Herbert Lachmayer diesen Memorialraum für Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar zum Gegenstand einer künstlerischen Intervention, welche die Brüche und Wunden des kulturellen Ge­dächtnisses freilegt. Im Zentrum stehen die Bernhard-Rezeption und das nationale Phantasma der im Zeitalter Carl Augusts wiederentdeck­ten Gotik.

Während Goethe sich der Bitte seines Fürsten entzog, eine Bernhard-Biografie zu verfassen, erkannte sich Carl August als Vertreter reichs-patriotischer Positionen in seinem großen Ahnen wieder. Die Präsentation umfasst auch Teile des Treppenhauses, das 1914 zur Erschlie­ßung des Südflügels errichtet wurde, wodurch das Bernhardzimmer seinen ursprünglichen architektonischen Zusammenhang verlor. Die Intervention im Bernhardzimmer zeigt in multimedialer Verfremdung die drei Karrieren des Herzogs: als „protestantischer Wallenstein“ im Dreißigjährigen Krieg, als Identifikationsfigur für Carl August, als kriegerisches Idol der Nationalsozialisten.

Bereits im Treppenhaus empfängt den Besucher eine Tapete von Margit Nobis, die aus neugotischen Dekorationselementen und den Köp­fen der Protagonisten komponiert ist. An der Stelle von Bernhards Prunkharnisch, den das Großherzogliche Haus 1929 verkaufte, steht eine gespensterhafte Lemure von Franz West. Eine Simulation zeigt den Ausblick, der sich vom Bernhardzimmer vor Errichtung des Süd­flügels bot. Verbindendes Element ist der farbenfrohe Teppich aus der Bauhauszeit. Den Ein- und Ausgang markiert Katharina Loidls Brei­sach-Lüster aus 4.000 Rasierklingen.

Seit 2008 folgt die Klassik Stiftung Weimar einem auf zehn Jahre angelegten Masterplan, dessen Kernstück die Entwicklung des Stadt­schlosses zum Zentrum des Kosmos Weimar ist. Die unter Beteiligung Goethes errichtete Residenz war ein zentraler Schauplatz der Klas­sik. Sie steht zu Unrecht im Schatten der Dichterhäuser. Im Zuge der Sanierung wird ein kulturgeschichtlicher Rundgang entstehen, der den Besuchern auch bisher unzugängliche Bereiche des Baudenkmals erschließt. Schon vor Beginn der Baumaßnahmen ermöglicht das Projekt Premieren des Wandels Interventionen von Kunst und Wissenschaft in ausgewählten Räumen des Schlosses.


Kurator und Gestaltung
: Herbert Lachmayer 
Vize-KuratorInnen: Gerhard Müller, Ellen Bierwisch, Christoph Schmälzle
Wissenschaftliche Beratung: Gerd-Dieter Ulferts, Jochen Klauß 
Kulturvermittlung: Folker Metzger 
Hermeneutic Wallpapers: Margit Nobis 
Digital Media: Daniel Dobler 
Künstler: Katharina Loidl (Breisach-Lüster), Franz West (Lemure)
Animationen: Clemens Kogler 
Typografie: Kai Matthiesen 
Architektur & Aufbau: Bettina Post, Martin Werner, Tobias Reher 

Unser Dank gilt: Kunstuniversität Linz, Vorwerk Teppiche, Wilkinson Sword, Stiftung der Länder Bonn, Land Thüringen

© Fotos: Thomas Müller, Maik Schuck, Ellen Bierwisch