Projektleiter: Herbert Lachmayer

Projektnummer: AR 81 – G21

 

Wien, am 29. April 2012

 

 

III. KURZBERICHT ÜBER DEN PROJEKTFORTSCHRITT,   

Das Forschungsvorhaben befindet sich im

 

                       1. Jahr

            X         2. Jahr

                       3. Jahr

                       4. Jahr

 

Seit Beginn des Projekts konnte die künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsstrategie „Staging Knowledge“ (eine transdisziplinäre wie intermediere Inszenierung von Wissensräumen), in seinen theoretischen Grundlagen vertieft werden, indem durch diverse Anwendungen dieser Kulturtechnik im Ausstellungsformat, das theoretische Konzept in der künstlerischen Praxis überprüft wurde. Somit konnte der 15 jährige Vorlauf (18 Ausstellungen seit 1998, um die Idee zu manifestieren) der Entwicklung dieses imaginativen und zugleich kognitiven „Denkraums“ (Aby Warburg) als Technik der Kontextualisierung zur Ausdifferenzierung unterschiedlicher Formate (Universitäre Studienrichtung, LehrerInnen Ausbildung an Pädagogischen Hochschulen, Ausbildungsfach im Fächerkanon der AHS Schulen), die über Österreich hinaus in unserem Netzwerk in der Schweiz, der Bundesrepublik Deutschland, London und der Stanford University weiter-entwickelt und umgesetzt wurden/werden. Demgemäß konnte erst mit dem PEEK-Projekt das Grundsetting der „Staging Knowledge“- Module zukunftsorientiert spezifiziert werden: die „Hermeneutic Wallpapers“ als kontextrepräsentative Tapete aus den jeweiligen Emblemen der Recherche, der „Psychonautic Carpet“, als ein „mehrdimensionaler/multimedialer Bewegungsparkett“ für RezipientInnen und gleichermaßen für das kuratorische Team, welches nach dem „Herbeireden“ der Ausstellung nach deren Eröffnung auf dieser Wissensbühne „weiterredet“, für die Dauer der Ausstellung selbige Bühne mit „Performativ Rhetorics“ täglich bespielt. Neu ist in dieser Entwicklungsphase („Salieri sulle tracce die Mozart“, Palazo Reale, Milano, 2004), dass in der Nutzung hochkultureller Toplocations (Oper, Schlösser, Museen, Ausstellungshäusern) stets auch die Produktionen von SchülerInnen zum Thema integrativ mitgezeigt werden, was in dieser Form definitiv neu ist.

 

Mit der Ausstellung „Die Da Ponte-Opern Mozarts“ im „Mahler Saal“ der Wiener Staatsoper (16. Februar bis 12. April 2011) diente dieser prominente Ort dazu, für das Opernpublikum vor Beginn der Oper und in den Pausen eine historisch informative wie geschmacks-assoziative Kontextualisierung dieser 3 „Mozart Opern“ (nach den Libretti von Lorenzo Da Ponte) mit einem angemessen ironisch-eleganten Gestus zu präsentieren.  So kann, möglicherweise entgegen der Regieauffassung der gerade gebotenen Oper, in dieser Begleitausstellung eine durchaus eigenständige (bis widersprechende) Werkauffassung zum Besten gegeben werden, so dass dem Publikum ein Perspektivenwechsel abgenötigt wird, welcher der Pause zwischen den Akten noch ein weiters geistig-kulinarische Erlebnis ermöglicht. Dieser Effekt, das Werk so aktualisieren zu können, konnte nachweislich festgestellt werden. Die Mitarbeit von SchülerInnen der 7. Klasse des Gymnasiums  Zirkusgasse war ein voller Erfolg in beide Richtungen: enorm der Lernprozess bei den SchülerInnen, in der Wiener Staatsoper „ihre Werke“ auszustellen -  wie auch beim Publikum, für welches die Integration der exzellenten SchülerInnenarbeiten als gelungene Aktualisierung von Themen der Libretti eindeutig befürwortet haben.

           

Der „5. Wiener Schmerztag“ (15. April 2011, 10.00 – 18.00 Uhr), im Festsaal des Wiener Rathauses, stellte an das Projektteam einmal mehr die Herausforderung, am Beispiel des Themas „Schmerz“, einer „Eintags-Ausstellung“ mit dem Titel „PHANTASIE UND PHARMAZIE“, die Einbildungskraft jedes/jeder Einzelnen zu mobilisieren, um den pharmazeutischen Placeboeffekt psychisch auf sich wirken zu lassen und zu gestalten: ist doch auch kultur- und sozialgeschichtliches Wissen für die notwendige Phantasiebildung bei der individuellen Schmerzverarbeitung höchst relevant. Muss doch das medizinisch-pharmazeutische Faktum der, nicht nur chemischen Wirkungsweise von Schmerzmitteln für einen selbst interpretiert werden, um damit dem vielfältigen Komplex der Ängste überhaupt begegnen zu können. Der erweiterte Placeboeffekt meint, dass das notwendige „kulturelle Gedächtnis“, beispielsweise durch Mythenbildung als Panorama der Projektionen,zur Innenverarbeitung des Schmerzes dient, um die pharmazeutische Wirkung um das Medikament herum lebendig werden zu lassen -  kann doch die Nachhaltigkeit für die unbewusste Verarbeitung von Schmerzen nur in der Aktivierung kreativer Vorstellungspotentiale bestehen, aber keineswegs allein in der Einnahme von Dragees „morgens, mittags und abends“. Die Bedeutung besagter kultur- und sozialgeschichtlicher Hintergründe für den erweiterten Therapiebogen wurde mehrheitlich den etwa 9.000 BesucherInnen vom „Staging Knowledge“-Team vermittelt: Auch hier war die Mitwirkung von zwei Klassen des Gymnasiums Zirkusgasse für den Erfolg mitentscheidend. Die teilweise schockierenden Bildfolgen der SchülerInnen führten den meist auch chronischen SchmerzpatientInnen Dokumentationsbilder extremer Verletzungen vor, wodurch Schmerzzustände generell zum krassen Schock hochstilisiert wurden. Die Ausstellung im Format eines „Messestandes“ (neben diversen firmenbezogenen Therapieangeboten und Pharmazeutischen Vertretern) war Anziehungspunkt wie „Disputier-Insel“ im Festsaal des Rathauses, wo das dicht gedrängte Publikum an unserem „Stand“ innehielt.

           

Mit einem repräsentativen Beitrag zur 100. Wiederkehr von Mahlers Todesjahr 1911, erteilte uns das Kulturforum der Österreichischen Botschaft in Berlin den Auftrag, eine für heute aktuelle Ausstellung zu konzipieren und umzusetzen - im letzten Stockwerk des Hollein-Baus in der Stauffenbergstrasse, Bezirk Tiergarten. Mit dem Titel „GUSTAV MAHLER- Produktive Dekadenz in Wien um 1900“ konnte eine Art „Salon-Ausstellung“ (15. April bis 13. Mai 2011) ausgerichtet werden, welche das immanente Paradox des Fin de Siècle Vienna auf ironisch-analytische Weise exemplarisch zum Ausdruck brachte: einerseits der raumgreifende Teppich, nach dem Entwurf Josef Hoffmanns (von 1911, also in Mahlers Todesjahr), in der strengen Geometrie seines „konstruktivistischen Jugendstils“, andererseits das schwebenden und schwelgenden Ornament der Tapete, nach Dagobert Peche, die im Stile des Rosenkavalier-Rokokos gestaltet war, bedruckt mit den Portraits der anverwandten historischen Figuren (Gustav und Alma Mahler, der anderen „Salonherrin“ Berta Zuckerkandl, Sigmund Freud, Richard Strauss, dem Hofkapellmeister Bruno Reichenberger etc.). Damit konnte das Prinzip der „Hermeneutic Wallpapers“ als Kontextrepräsentation der Persönlichkeiten um einige anspielungsreiche Meta-Ebenen des ambivalenten Inhalts erweitert werden: für die „rhetorische Performance“ war somit vielseitigerer wie komplexerer Anspielungshorizont eröffnet.

 

Der Raumnutzung dieser „Konversations-Bühne“, vor und nach diversen diplomatischen Ereignissen im Stock darunter, bot diese kultur- und musikwissenschaftlich gut recherchierte Ausstellung, mit Mahlers Manschettenknöpfe, Bühnenentwürfe Alfred Rollers, die Programmhefte diverser Erstaufführungen, eine unterhaltsame wie informative Show. Für die, im Rahmen des PEEK-Projekts zu ermittelnde Methode von „Staging Knowledge“ als eine Vermittlungsstrategie kultureller Inhalte, die zugleich Forschungsstrategie derselben sein soll, war gerade diese Ausstellung eine notwendige ästhetisch- empirische wie forschungsrelevant-kognitive Erfahrung. Dabei konnte man überprüfend feststellen, dass einem recht anspruchsvollen Publikum so etwas wie „Geschmacksintelligenz“ einforderbar ist - zumal die Präsentation zum Gustav Mahler-Jubiläum kein Ausstellungs-Parcours für Laufpublikum war. Das Ausstellungskonzept legte es förmlich darauf an, mit durchaus prätentiösen Raumstrategien „Aufmerksamkeit zu erwecken“, um beim Publikum eine „Modulation der Affekte“ zu bewirken, welcher der Deutungs-Kultur „Wienerischer Ambiguität um 1900“ beschwingt nahe kam. So konnte dem weitverbreiteten Vorurteil wie der wie falschen Annahme entgegengewirkt werden, dass man sich den „cultural content“ gewissermaßen „reinziehen“ oder gar „runterladen“ könne - auf eine „innere Festplatte“ gewissermaßen.

 

Zu einem ganz anderen Zweck, nämlich der Jubiläumsfeier der „Thüringischen Landesmedienanstalt“ (TLM), im Haus Dacheröden in Erfurt (eines kulturellen, musisch wie philosophischen Zentrums der Weimarer Klassik und der jenenser Philosophen), fand als multimediales Ereignis statt – vor allem auch um breiten Bevölkerungskreisen die sozio-kulturelle wie medienrelevante Arbeit dieser Einrichtung, am Kooperationsschnittpunkt zweier akademischer Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen (Kunstuniversität Linz und Bauhaus Universität Weimar) vorzuführen. Auch schon deshalb, um den thematisch involvierten  PolitikerInnen eine traditionsträchtige wie auch charmante „location“ zu bieten – konnten doch hier realpolitische Konflikte wie unterschiedliche „Visionen“ an einem, mit Kultur förmlich aufgeladenem Ort, diskutiert und erörtert werden. Die erfolgreichsversprechenden Rahmenbedingungen waren: Studierende/ AbsolventInnen der besagten Kunstuniversitäten kreierten mit künstlerischen Beiträgen eine Plattform, um das Thema „MEDIALE LEBENS[T]RÄUME Droht uns eine digitale Heimat? “ (27. Juni bis 24. Juli 2011) -  quer durch die Generationen und sozialen Schichten hinweg. Dem reichhaltigen Veranstaltungsprogramm der TLM wurde damit eine Bühne geboten. Bemerkenswert und für die Entwicklungsarbeit dieser „Staging Knowledge“ Ausstellung, war die hohe wie selbstverständliche Akzeptanz beim Publikum, sich durch die Assoziationsfreudigkeit der Kunstinstallationen der StudentInnen anstecken und inspirieren zu lassen. Auch das Thema „Heimat“ stellte sich nach und nach als eine zentrale, mentalitätsgeschichtlich gewachsene „Sehnsuchts-Modell“ heraus, zumal ja im Titel (durchaus kritisch gewollt) mit dem Wort/Begriff „Lebensräume“ an ein kräftiges Schlagwort des nationalsozialistischen Verbrecherregimes erinnert wurde. Dem „Nazi-Thema“ entkommt man eben nicht – erst vor diesem kritischen Horizont kann eine nachhaltige Zukunftsperspektive Europas gedacht und verwirklicht werden, wenn das Trauma dieser Vergangenheit von jeder Generation neu „aufgearbeitet“ wird.


Zum Wechsel ins Jahr 2012 konnte eine neue Anwendung von „Staging Knowledge“ als handwerksbezogene Kulturwissenschafts-Ausstellung erprobt werden: mit dem vieldeutbaren Titel „SEHEN IM TRAUM“ konnte im reputierten Brillengeschäft „Hartmann Brilliance“ eine Art  „Salon-Ausstellung“ ausgerichtet werden – als kulturgeschichtliches Panorama zur hoch entwickelten Technologie des neu optimierten Gleitsichtglases, welches 40% Sehschärfe mehr ermöglicht. Die Verbindung von Hochtechnologie und kulturellem Background ist bestens gelungen: die Bildfolge, welche in die „Hermeneutic Wallpapers“ integriert war, wurde saisonbedingt variiert - Vorweihnachtszeit, Jahreswechsel/Silvester, Faschingszeit, Fastenzeit bis Ostern. Auch hier waren die SchülerInnen des Gymnasiums Zirkusgasse mit dabei und haben den Bildfolgen mit mutigen Einfällen „Scherz, Satire und tiefere Bedeutung“ gegeben, um es mit den Worten des Dichters Grabbe zu sagen. 

 

 

Was das Begreifen der Wechselwirkung zwischen Wissenschafts-Rationalität (insbesondere der Humanities, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften) und der Erfahrung künstlerischer Produktivität in der „Einzugsdomäne des Unbewußten“ angeht, war nach und nach die Einsicht möglich, dass die heute noch umfassend praktizierte Trennung von Wissenschaft und Kunst nur dadurch durchlässig gemacht, respektive aufgehoben werden kann, wenn besagte Erfahrung künstlerischer Produktivität als ein „Erkenntniswert sui generis“ anerkannt wird, der wissenschaftlichen Erkenntnis wertmäßig gleichgestellt. Dabei geht es um die „Fähigkeit des Perspektivwechsels“ (Objektivierungsglaube versus künstlerisch verdichtete Subjektivität) als neue Kompetenz einer „künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungspraxis“ zu entwickeln. So bleibt jetzt schon ein nachweislicher Vorzug der „Staging Knowledge“-Methode gegenüber den „exakten Wissenschaften“ bemerkenswert: durch Anwendung von „Staging Knowledge“ als eine „Kulturtechnik angewandter Geschmacksintelligenz“, kann nachweislich der „Horizont der Hypothesenbildung“ im Rahmen der rein wissenschaftlichen Forschung erweitert werden.


Die realisierten Ausstellungen wurden mit den ExpertInnen analysiert und diskutiert:

Klaus Heinrich (Berlin), Helmut Lethen (Wien), Claudia Honegger (Bern), Hans Belting (Karlsruhe), Jan Assmann (Konstanz, Heidelberg), Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford, CA) und Franz West (Wien).

 

Vorträge:

 

BÜHNEN PORNOSOPHISCHER KONVERSATION   27. August 2011, 19.30 Uhr Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabik Wien

 

"Vom Flaneur zum Parvenü – LifeStyle versus LebensArt" Mittwoch, 7.
12.2011, 19 Uhr  Zürcher Hochschule der Künste ZHdK

AUSSTELLUNGEN HERBEIREDEN  Vortrag Dienstag 13.03.2012, 19.30 Uhr MAK-
Wien

Presse:

 

PARKETT Nr 88  Publikationsbeitrag Prof. Dr. Herbert Lachmayer, Leitung
von Staging Knowledge, beteiligt sich mit dem Artikel "Staging Knowledge
als Wissensoper" an der Publikation "Parkett"

 

Kooperationen mit Bildungsinstitution:
Georg-von-Peuerbach-Gymnasium, Wien,

Gymnasium Zirkusgasse, Wien,
Reithmanngymnasium, Innsbruck,

Kunstuniversität Linz und Bauhaus-Universität Weimar